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Die Winterreise

Ewige Faszination um Franz Schuberts bewegende Liedersammlung.

Festival »Winterreisen« in der Elbphilharmonie
19.11.2017 – 26.3.2018

Ein Wanderer ohne Ziel und Heimat inmitten einer rätselhaften, abgründigen Natur. Es gibt nur wenige Werke, die über Jahrhunderte hinweg eine ungebrochene Faszination und gleichzeitig beklemmende Wirkung auslösen wie Franz Schuberts Liederzyklus »Winterreise«.

Schubert war einige Zeit düster gestimmt und schien angegriffen. Eines Tages sagte er zu mir, ›komme heute zu Schober, ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses bei anderen Liedern der Fall war.‹ Er sang uns nun mit bewegter Stimme die ganze Winterreise durch. Wir waren über die düstere Stimmung dieser Lieder ganz verblüfft.

Ein Freund Franz Schuberts

So erlebte ein Freund des Komponisten Franz Schubert die erste Aufführung der »Winterreise« in kleinem Kreise. Heute sind die ausdrucksstarken, düsteren Gesänge aus dem Repertoire klassischer Liedinterpreten längst nicht mehr wegzudenken und erreichen ein Publikum weltweit.

Der einsame Wanderer

»Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh’ ich wieder aus.« Mit diesen Worten beginnt die »Winterreise«, die Franz Schubert 1827, ein Jahr vor seinem Tod, komponierte. Sie basiert auf Gedichten des Schriftstellers Wilhelm Müller, die ihn tief bewegt hatten. Der Zyklus aus 24 Liedern für Gesang und Klavier erzählt vom ewigen Fremdsein, von der Einsamkeit, von Lebensabschied.

Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh’ ich wieder aus.

Gute Nacht / Good Night

Was fragen sie nach meinen Schmerzen? Ihr Kind ist eine reiche Braut.

Die Wetterfahne / The Weathervane

Die Hauptfigur ist ein einsamer Wanderer, der durch Kälte und Eis irrt. Nur wenig Konkretes verrät der Zyklus über diesen rätselhaften Menschen. Seine Reise ist keine gewöhnliche, sie hat kein Ziel, sie findet kein Ende. Traum, Wirklichkeit und Abgrund vermischen sich immer stärker in der Wahrnehmung des sich selbst verlierenden Wanderers.

Eine Wanderung ohne Rückkehr

Und noch etwas ist ungewöhnlich an dieser winterlichen Reise: Der Mann wandert durch die verschneite Landschaft, doch rein äußerlich geschieht sonst nichts. Denn das eigentliche Drama, über das er sinniert, hat sich schon vor dem ersten Lied ereignet. So wird sein Inneres zum Schauplatz der Gesänge, die alle dieselbe Seelenlage spiegeln. Ausweglos kreisen sie um die gleichen Gefühle: verlorene Liebe, Schmerz, Hoffnung und Resignation.

nächtliche Winderlandschaft im Schnee

»Gute Nacht« (Matthias Goerne & Alfred Brendel)

Seine Reise beginnt, als er sich in einer kalten Winternacht aus dem Haus der Familie seiner Geliebten stiehlt. Im ersten Lied, Gute Nacht, erfahren wir, dass die Beziehung zerbrochen ist. Aus Angst, fortgejagt zu werden, lässt er alles zurück. Im nächsten Lied (Die Wetterfahneheißt es: »Was fragen sie nach meinen Schmerzen? Ihr Kind ist eine reiche Braut.«

Es gibt sicherlich keinen [anderen] Weg, die Geschichte der Gefühle zu erforschen, der eine solche Innerlichkeit und Kraft verspricht.

Ian Bostridge, Sänger / singer

Lehnt ihn die Familie als Bräutigam ab, weil er nicht wohlhabend ist? Der Text gibt keine eindeutige Antwort, die Umstände der Trennung bleiben im Dunkeln. Der Rastlose flieht durch Schnee und Kälte, immer wieder holt ihn die die verlorene Vergangenheit ein: Glühende Sehnsucht, Erinnerungen an glückliche Sommertage mit der Geliebten. Doch die wärmenden Gedanken erstarren angesichts der Wirklichkeit.

Fußspuren in Schneelandschaft vor Wald

»Erstarrung« (Ian Bostridge & Julius Drake)

Ich such’ im Schnee vergebens nach ihrer Tritte Spur.

Erstarrung / Numbness

Einziges Gegenüber ist ihm die vereiste Natur, die sein Inneres spiegelt: ein verstummter Fluss (Auf dem Flusse), unter dessen eisiger Oberfläche es gewaltig rauscht. Der Schnee, der seine Tränen gefrieren lässt (Gefror’ne Thränen). Eisblumen erinnern an verlorene Frühlingstage (Frühlingstraum), der vertraute Lindenbaum an die zerbrochene Liebe – aus den rauschenden Zweigen hört er jetzt jedoch den Tod rufen.

Lindenbaum im Schnee, Winter. Photographie

»Der Lindenbaum« (Ian Bostridge & Julius Drake)

Doch Schuberts Winterwanderer kommt nicht zur Ruhe. Zunehmend verliert er den Boden unter den Füßen und den Bezug zur Realität. Ein fahles Licht führt ihn in die Irre (Irrlicht), Todessehnsucht überkommt ihn. Eine Krähe wird zu seinem Begleiter (Die Krähe). Ein Todeszeichen?

Und war das Lied zu Ende, so geschah es nicht selten, dass die Herren sich in die Arme stürzten, und das Übermaß des Gefühles in Tränen sich Bahn brach.

Ein Zeitgenosse Schuberts / A contemporary of Schubert's

Jeder Strom wird’s Meer gewinnen, Jedes Leiden auch sein Grab.

Irrlicht / Will o' the Wisp

Krähe in Winterlandschaft

»Die Krähe« (Matthias Goerne & Markus Hinterhäuser)

Verschmäht vom Leben – und vom Tod

Der Wanderer findet keine letzte Ruhe. Aber auch unter den Lebenden gibt es keinen Platz mehr für ihn: Dass er ein Ausgestoßener ist, erkennt er, als er nachts durch ein Dorf geht (Im Dorfe), verfolgt vom Bellen der Hunde. Ein Wegweiser führt ihn zu einem Wirtshaus, das sich als Friedhof entpuppt. Doch selbst dort wird er abgewiesen.

schneebedeckter alter Friedhof

»Das Wirtshaus« (Ian Bostridge & Julius Drake)

Zwar ändern sich von Lied zu Lied die Stationen der Reise ins Nirgendwo. Letztlich sind sie aber alle Metaphern für dieselbe ausweglose Situation. Der Wanderer kreist wie die Musik um sich selbst.

Das letzte Lied

Schließlich trifft der verlorene Reisende einen Mann mit einem Leierkasten, den niemand sehen oder hören will – ein Ausgeschlossener wie er selbst. In ihm findet er einen musikalischen Weggefährten. Das letzte Lied, Der Leiermann, basiert auf einem immer gleichen, um sich selbst kreisenden Motiv. In seiner Monotonie spiegelt es den unlösbaren Kreislauf der Reise zwischen Leben und Tod. Unbewegt, fast gleichgültig, scheinen am Ende sogar die Emotionen zu erfrieren.

Drehleier-Spieler, Gemälde

»Der Leiermann« (Matthias Goerne & Markus Hinterhäuser)

Winterreisen heute

Was können Schuberts Lieder heute bedeuten, in Zeiten von Flucht und Völkerwanderung? Wie klingt Fremdsein heute? Das Festival »Winterreisen« in der Elbphilharmonie und Laeiszhalle präsentiert an sieben Konzerten von November bis März völlig unterschiedliche Annäherungsweisen an und Interpretationen von Schuberts Werk.

Festival »Winterreisen« in der Elbphilharmonie vom 19.11.2017 bis zum 26.3.2018.

Text: Laura Etspüler

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