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Zwischen Zeitgeist und Zukunftsvision

Der Regisseur Fritz Lang

3. Internationales Musikfest Hamburg

Zwei von Fritz Langs Filmen, »Metropolis« und »Frau im Mond«, sind beim diesjährigen Internationalen Musikfest zu erleben.

Zum den Filmen

Vielleicht ist es das größte Kompliment für einen Filmemacher, wenn die Ideen und Visionen, die ursprünglich nur für den fiktionalen Moment erdacht wurden, tatsächlich Wirklichkeit werden. So ist es Fritz Lang widerfahren, als er anlässlich seines Films Frau im Mond den Countdown erfand.

Als ich das Abheben der Rakete drehte, sagte ich mir: Wenn ich eins, zwei, drei, vier, zehn, fünfzig, hundert zähle, weiß das Publikum nicht, wann die losgeht. Aber wenn ich rückwärts zähle, zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, NULL! – dann verstehen sie.

Fritz Lang

Aus heutiger Sicht eine scheinbar banale Idee, und doch offenbart sie bereits die gestalterische Kraft, die Lang zeit seines (Film-)Lebens ausmachte.

Der erste Countdown der Welt: Raketenstart in »Frau im Mond«
Der erste Countdown der Welt: Raketenstart in »Frau im Mond« © YouTube\Glaswald

Der »Rembrandt des Kinos«

Noch heute, über 40 Jahre nach seinem Tod, überbieten sich die Kritiker und Filmhistoriker geradezu mit Bezeichnungen und Attributen in Bezug auf Fritz Lang. Da ist vom »Titanen der Leinwand« zu lesen (Die Zeit), »Meister-Regisseur« (Der Spiegel), oder, wie es der französische Kollege Jean-Luc Godard auf eine kurze Formel brachte: »Er ist das Kino«.

Der Regisseur selbst nahm für sich in Anspruch, der »Rembrandt des Kinos« zu werden, was wohl vor allem in Bezug auf die aufwendigen Bauten, das detailreiche Dekor und das Spiel mit Licht und Schatten zu verstehen ist.

Ohne Frage, Fritz Lang war nicht nur einer der visionärsten Köpfe im deutschsprachigen Filmgeschäft, sondern einer der bedeutendsten Regisseure der Kinogeschichte überhaupt. »Er war ein Pionier, der gleich zu seinen Anfängen in der Stummfilmzeit so ziemlich alle Genres erfunden hat, die das Kino bis heute prägen«, schreibt Volker Schlöndorff im aktuellen Elbphilharmonie Magazinüber seinen einstigen Mentor.

Er war ein Pionier, der in der Stummfilmzeit so ziemlich alle Genres erfunden hat, die das Kino bis heute prägen.

Volker Schlöndorff

Ausschnitt aus dem Filmplakat zu »Frau im Mond« (1929)
Ausschnitt aus dem Filmplakat zu »Frau im Mond« (1929) © YouTube\Glaswald

Und die Liste ist lang: Neben monumentalen Epen wie »Die Nibelungen« (1924), nervenaufreibenden Krimis wie der Dr.-Mabuse-Reihe und anspruchsvollen Kunstfilmen wie »Der müde Tod« (1921) war er war es vor allem das Science-Fiction-Genre, das Lang mit visionären Meisterwerken wie »Metropolis« und »Frau im Mond« quasi im Alleingang erfand. Beide Filme sind nun im Rahmen des Musikfests zu sehen – und dank neuer Musik vor allem auch zu hören.

Frühe Jahre und Erster Weltkrieg

1890 in Wien geboren und aufgewachsen, zog es Fritz Lang schon früh zur Kunst. Zunächst jedoch zur Malerei, der er an den Kunsthochschulen in München und Paris nachging, obwohl der Film schon damals seine Leidenschaft war. Doch dann kam der Erste Weltkrieg dazwischen. Er kehrte nach Wien zurück und meldete sich Anfang 1915 freiwillig zur K.u.K.-Armee.

Bei seinen Fronteinsätzen erlitt er mehrere Verletzungen; einmal traf es sein linkes Auge – der Grund für sein berühmtes Markenzeichen, das Monokel. Die Verletzungen führten dazu, dass Lang für mehrere Monate zurückkehren konnte. So hielt er sich im Spätherbst 1916 in Wien auf, wo er endgültig dem Kino verfiel. Nach dem Krieg zog Lang nach Berlin, von wo aus er seine Karriere als Filmregisseur startete.

Drei Hochzeiten und ein Todesfall

Weniger gradlinig geht es in seinem Privatleben zu. Dreimal war Lang zeit seines Lebens verheiratet – Ehen, die immer wieder an seinen zahllosen Liebschaften litten. So erfuhr seine erste Ehe mit der Schauspielerin Elisabeth Rosenthal ein jähes Ende, als sie im September 1920 durch einen Schuss aus Langs Pistole den Tod fand.

Bis heute sind die Umstände nicht endgültig geklärt, es wird davon ausgegangen, dass sie sich selbst das Leben nahm, nachdem sie Zeugin der Affäre ihres Mannes mit Thea von Harbou geworden war. Nicht wenige deuteten Langs Werk aufgrund der besonderen Umstände oft biografisch. Themen wie Schuld, Verstrickung und Tod ziehen sich durch seine Filme, ebenso der Kampf des zu Unrecht Verdächtigten (Lang wurde zunächst selbst der Tötung Rosenthals bezichtigt).

Fritz Lang mit Thea von Harbou
Fritz Lang mit Thea von Harbou © Waldemar Franz Hermann Titzenthaler, Wikimedia Commons

Thea von Harbou

Von Harbou, Drehbuchautorin und Schauspielerin und ihres Zeichens neben Leni Riefenstahl eine der bedeutendsten Frauen des frühen deutschen Films, wurde 1922 schließlich Langs zweite Ehefrau und wichtigste künstlerische Partnerin. So schrieb sie die Drehbücher zu fast all seinen Filmen aus dieser Zeit, darunter auch zu Meisterwerken wie »Metropolis« und »Frau im Mond«, die jeweils dystopische beziehungsweise utopische Zukunftsvisionen präsentieren.

»Metropolis« und »Frau im Mond«

Beide Filme gingen in die Filmgeschichte ein: »Metropolis« als der seinerzeit wohl aufwendigste Film aller Zeiten, der aufgrund seiner enormen Kosten die UFA fast in den Ruin trieb; »Frau im Mond«, weil er als einer der letzten großen Stummfilme das Ende einer Ära einläutete.

In beiden Filmen griff Lang auf ein ganzes Arsenal an Studiohallen, Kulissen und Statisten sowie Miniaturmodellen, Großbauten und Lichteffekten zurück. Für die Mondlandschaften In »Frau im Mond« Films ließ er beispielsweise eine Güterzugladung Sand von der Ostseeküste heranschaffen. Als Berater verpflichtete Lang zudem den Raumflugpionier Hermann Oberth, der seit 1917 an der Entwicklung einer Rakete saß, sowie den Wissenschaftspublizisten Willy Ley. Bis zur ersten tatsächlichen Mondlandung sollte es noch mehr als 30 Jahre vergehen. Lang war wie immer seiner Zeit voraus.

Fritz Lang bei Dreharbeiten
Fritz Lang bei Dreharbeiten © Bundesarchiv_102-08538\Wikimedia

Tickets

1969 betrat der erste Mensch den Mond; Fritz Lang verfilmte schon 40 Jahre zuvor seine Vision von der ersten Mond-Mission: »Frau im Mond« ist am 11. Mai in der Laeiszhalle mit Live-Musik von den Symphonikern Hamburg zu erleben. Hier gibt's Tickets

Beginn einer neuen Ära

Mit »M« (1931) über einen psychopathischen Kindsmörder wandte sich der Regisseur schließlich dem Tonfilm zu – und zeigte mit seinem  geschickten Umgang mit Geräuschen und Musik abermals, dass er ästhetisch wie technisch auf der Höhe der Zeit war.

»M« von Fritz Lang

Zäsur: Zweiter Weltkrieg

Der drohende Zweite Weltkrieg bedeutete jedoch erneut eine Zäsur im Leben und Werk des Regisseurs. 1933 entschied sich Lang nach einem Gespräch mit Propaganda-Minister Goebbels, bei dem dieser ihm die »Führung des deutschen Films« angeboten haben soll, dazu, Deutschland zu verlassen. Gleichzeitig wurde die Ehe mit Thea von Harbou geschieden, mit der er bereits seit zwei Jahren nicht mehr zusammenlebte.

Ein Jahr verbrachte er daraufhin in Frankreich, eher er in London den US-amerikanischen Filmproduzenten David O. Selznik kennenlernte, der Lang schließlich nach Hollywood holte. Er reiste in die USA, wurde 1939 US-amerikanischer Staatsbürger und sollte erst 1956 wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen. In Deutschland konnte er jedoch nicht mehr an seine frühen Erfolge anknüpfen, weshalb er nicht dauerhaft zurückkehrte. 1971 heiratete Lang in Amerika seine langjährige Lebensgefährtin Lily Latté. Am 2. August 1976 starb er nach langer Krankheit in Beverly Hills und wurde auf dem Prominenten-Friedhof Forest-Lawn Memorial Park in Hollywood beigesetzt.

Text: Simon Chlosta

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