Zum Inhalt springen

Blog & Streams

Das Gamelan der Elbphilharmonie

Die Reise eines exotischen Instruments in sein neues Zuhause.

Den kompletten Gamelan-Artikel jetzt in der neuen Ausgabe des Elbphilharmonie Magazins lesen.

Online bestellen

Marcilly-le-Châtel: Ein Ort knapp 100 Kilometer westlich von Lyon, am Rande der Auvergne. Hier lag im Souterrain eines grün eingewachsenen Hauses abseits der Hauptstraße einige Zeit trocken und sicher aufbewahrt etwas sehr Kostbares und Exotisches; wie lange genau, das weiß Jean-Pierre Chazal nicht mehr. Vielleicht zwei, drei Jahre? Das Haus gehört seinem Vater, er selbst lebt in Paris.

An einem besonders heißen Tag im August 2016 führt Chazal drei Männer aus Deutschland ins Souterrain hinab. Sie haben erfahren, was da so ungenutzt im Haus seines Vaters lagert, und wollen es ihm eventuell abkaufen. Die Männer sind auf der Suche nach einem Gamelan für die Elbphilharmonie Hamburg.

Gamelan = Ensemble von Musikinstrumenten aus Indonesien, das im Wesentlichen aus Gongs und Metallophonen besteht.

Gamelan Ensemble: Eindrücke des Abschlusskonzerts

Gamelan

Was ist ein Gamelan?

  • Ein Ensemble von Musikinstrumenten, das vor allem aus selbstklingenden Instrumenten mit einer bestimmten Tonhöhe besteht.
  • Die Instrumente müssen nicht virtuos gespielt werden, es genügt, sie anzuschlagen.
  • Der spezifische Klang entsteht durch das schwingende Bronze-Material – ein für westliche Ohren so exotisch wie hypnotisch wirkender, warmer Klangfluss, in dem komplexe rhythmische Muster improvisierend umspielt werden.
  • Das Wort Gamelan steht für das vielteilige Instrument, für seine Spieler und für die Musik, die sie gemeinsam hervorbringen.
  • In Ostasien ist das Gamelan seit Jahrhunderten bei religiösen Anlässen, familiären Festen, zum Tanz, beim Puppentheater oder bei Schattenspielen in Gebrauch.
  • Verbreitet ist es hauptsächlich auf den beiden zu Indonesien gehörenden Inseln Java und Bali.
  • Das balinesische Gamelan ist schnell, das javanische deutlich gemächlicher.
Steven Tanoto
Steven Tanoto © Maxim Schulz

Der ideale Vermittler

Der jüngste der drei Besucher in Marcilly-le-Châtel ist Steven Tanoto, 29, der die Struktur des Gamelans bis in ihre feinsten Verästelungen versteht. Er ist auf Sumatra geboren, lebt aber in Hamburg, wo er sein Masterstudium in Komposition abgeschlossen hat (er kann die verschlungene, angenehm beruhigende javanische Klingklang-Musik nach Gehör notieren). Um das Gamelan für die Elbphilharmonie zu prüfen hat er extra seinen Frankreichurlaub unterbrochen.

Ich rate, das Gamelan Sêkar Kênanga (Großer Herr Prinz Duftende Blüte) zu nennen.

Steven Tanoto

Tanoto jedenfalls ist der ideale Vermittler zwischen der Musikkultur Ostasiens und den Bedürfnissen der Kursteilnehmer in den Gamelan-Workshops in Hamburg. Und in Marcilly-le-Châtel rät er, nachdem er auf der Terrasse eine Weile das Gamelan gespielt und ausprobiert hat, zum Kauf. Ein weiterer mitgereister Gamelan-Experte stimmt zu.

Im Laufe der kommenden Wochen finalisiert Benjamin Holzapfel, als Vertreter der Elbphilharmonie der Dritte im Bunde, den Kauf mit Chazal. Der wiederum ist froh, dass sein Bronze-Schatz nun wieder benutzt und gespielt wird.

Gamelan
Gamelan © Maxim Schulz

Ziel: Hamburger Hafen

Kurz vor Weihnachten 2016 erreichte das Gamelan schließlich seinen Zielort im Hamburger Hafen. Gut verstaut, trat es in einem 7,5-Tonner die lange Reise von Marcilly-le-Châtel zur Elbphilharmonie an. Seitdem haben es schon viele Teilnehmer in Workshops in seinem ganzen Umfang bestaunen können. Es besteht nämlich sogar aus zwei in sich unabhängigen Teilen, aus Instrumenten für die fünftönige Slendro-Skala und solchen für die aus sieben Tönen bestehende Pélog-Skala.

Grosser Herr Prinz duftende Blüte

Einen neuen Namen hat das Gamelan inzwischen auch bekommen. Steven Tanoto hat die javanische Inschrift auf der Innenseite des neuen großen Gongs entziffert, nach dem traditionell das ganze Instrument benannt wird. »Ki Agêng Panji Sêkar Kênaga« steht dort. Ki heißt Herr, Agêng bedeutet groß, ein Panji ist ein Ritter oder Prinz, und Sêkar Kênaga bezeichnet die Blüten des magnolienartigen Ylang-Ylang-Baums, die besonders intensiv duften. »Ich rate, das Gamelan Sêkar Kênanga zu nennen«, schrieb Tanoto in einem Brief an die Elbphilharmonie.

Auftritt im Januar

Seit September 2017 verströmt das Gamelan nun allwöchentlich seinen reizvollen, eigentümlichen Klang, hervorgerufen von den Hämmerchen und Filzschlägeln in den Händen eines engagierten, lernfreudigen Ensembles, das im Januar erstmals öffentlich in der Elbphilharmonie auftreten wird. Wer die Augen schließt, dem wird beim Hören bestimmt der süße Duft javanischer Blüten in die Nase steigen.

Text: Tom R. Schulz

Elbphilharmonie Magazin »Auf Reisen«

Mehr dazu im aktuellen Elbphilharmonie Magazin »Auf Reisen«.

Magazin jetzt online bestellen

Weitere Artikel